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Wenn aus Leidenschaft Liebe wird
Es ist ein bisschen wie
geistige Umnachtung:
Frisch Verliebte drehen durch, sehen den neuen Partner nur im sonnigsten Licht.
Was aber, wenn sich die erste Aufregung legt? Biologen haben erforscht, was sich
dann im Kopf tut.
Umfragen haben es ergeben: Drei Viertel der Deutschen wünschen sich eine
harmonische Liebesbeziehung, einen Partner für das ganze Leben. Zu dieser
Wunschvorstellung gehören natürlich auch das nie versiegende Begehren und
anhaltend ekstatische Sexualität. Soweit die Utopie, doch nun die schlichte
Normalität. Viele Beziehungen dauern nur wenige Monate, und nach vier Jahren
steht jede zweite bis dritte Ehe vor dem Aus.
Alles beginnt mit dem Verliebt sein, einer Form der geistigen Umnachtung. Der
Serotoninspiegel im verliebten Hirn sinkt auf 40 Prozent unter Normalwert. Der
Körper bildet Phenylethylamin, das wie Aufputschmittel wirkt. Unterschiedliche
Charaktereigenschaften werden nicht wahrgenommen, die Erregung läuft auf
Hochtouren, Appetit und Schlafbedürfnis sind gleich null, und die Wahrnehmung
ist vollkommen unrealistisch. Das Paar verschanzt sich in einer Symbiose. Wenn
diese sich nicht irgendwann auflöst, stirbt die Liebe vermutlich den
Erstickungstod.
Wenn die Verliebtheit endet, endet auch die Beziehung – oder sie geht in
dauerhafte Liebe über.
Nach etwa einem halben Jahr gestaltet sich der Absturz entsprechend tief.
Während des freien Falls fragt sich der Verliebte, was ist mein Schwarm
eigentlich für ein Mensch? Plötzlich stören ihn Macken und Unarten, die er in
seiner Idealisierungsphase noch sympathisch fand.
Weil die Leidenschaft nicht so kritisch wie die Liebe ist und zum Teil anders
tickt, kann es vorkommen, dass wir anfangs vom Fremden fasziniert sind, es
steigert den Reiz. Später aber, im Alltag, schlägt dieser Reiz ins Gegenteil um,
in Irritation und Streit. Im Extremfall führt er zur Trennung (Bas Kast, „Die
Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“, Fischer Verlag, Frankfurt).
Wer verliebt ist, wünscht sich, dass das Objekt seiner Fantasie möglichst seine
eigenen Paradiesvorstellungen erfüllt. Er möchte, dass die angebetete Person
seinem Bild einer Zweisamkeit entspricht. Insofern ist Verliebt sein ein
selbstbezogener Zustand.
Es sind die eigenen ungelebten Träume und Hoffnungen, die er an dem anderen
glaubte zu entdecken. Wie kann er diese Vorstellungen vom Leben besser
realisieren, ohne sie an seinem personifizierten Hoffnungsträger festzumachen?
Die tatsächliche Abhängigkeit von einem weitgehend unbekannten Menschen kann nur
ertragen, wer ein grundsätzliches Vertrauen in Beziehungen zu anderen erworben
hat und trotz gelegentlicher Enttäuschungen an die Möglichkeit des Gelingens von
Liebesbeziehungen glaubt
Erst langsam wächst das innere Bild des vergötterten Partners zu einer realen
Person heran, die die Idealisierung korrigiert. Ein Stück Anbetung sollte aber
erhalten bleiben, damit die Beziehung nicht an Lebendigkeit verliert.
Während Psychologen erforschen, wie sich Frischverliebte von langjährigen
Ehepaaren unterscheiden, verfolgen Biologen die Verwandlungen, die sich in
unserem Kopf abspielen, wenn also Leidenschaft zu Liebe wird.
Die Psychiaterin Donatella Marazziti aus Pisa hatte bei zutiefst verliebten
Studenten und Studentinnen entdeckt, dass bei ihnen der Botenstoff Serotonin auf
ein so krankhaft niedriges Niveau abgesackt war wie bei Zwangspatienten. Zwölf
bis 18 Monate nach dieser Untersuchung nahm die Psychiaterin sechs ihrer vormals
liebeskranken Versuchspersonen noch einmal unter die Lupe. Alle waren inzwischen
eine Bindung mit ihrem Schwarm eingegangen.
Die fixe Konzentration auf den Geliebten oder die Geliebte war zurückgegangen,
die Leidenschaft hatte sich gelegt. Erneut überprüfte die Psychiaterin das
Serotonin. Das Resultat: Nicht nur der Geisteszustand der Studenten hatte sich
beruhigt, auch der Serotoninspiegel in ihrem Körper war auf Normalniveau
angestiegen.
Diese Rückkehr zur Normalität ergibt auch Sinn. Sobald sich eine Bindung
gefestigt hat, ist es vernünftig, dass wir zur Besinnung kommen und unsere
Aufmerksamkeit wieder auf die Alltagsgeschäfte lenken können, auf die liegen
gebliebene Arbeit und die vernachlässigten Freunde.
Wenn die Verliebtheit endet, endet entweder auch die Beziehung – oder sie geht
in dauerhafte Liebe über. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die realistische
Prüfung durch das Paar, ob die beiden zusammenleben können oder nicht.
„Langzeitpaare kämpfen mit einem Dilemma: Liebe will Sicherheit und
Geborgenheit, die Lust braucht Fremdheit und Aufregung“, sagt der Paartherapeut
Michael Mary. Leidenschaft – das sagt ja schon das Wort – bedeutet, für seine
Sehnsucht zu leiden. Und das hält eine harmonische Partnerschaft nicht lange
aus. „Die Leute sollten ihre Beziehungen nicht überfrachten“, sagt der
Psychologe. Gerade das führe zu einem vorzeitigen Ende.
Wenn die körperliche Anziehungskraft das Wichtigste ist, kommt man im zweiten
Schritt dahin, dass man die Beziehung pathologisiert. Dann heißt es irgendwann:
Wenn wir uns nicht mehr begehren, ist unsere Beziehung krank. „Und das ist
Blödsinn“, meint Mary. Auch Friedrich Schiller wusste es vor mehr als 200 Jahren
besser: „Die Leidenschaft flieht, die Liebe muss bleiben.“
Frauen aus Brasilien
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